Von Raimund Draken (Quelle: Auftakt!; Flotter Zupfer NRW, Ausgabe Juli 2026)
Das abendliche Konzert im Rechbergsaal am Samstag stand zugleich unter dem Motto „Festkonzert 1050 Jahre Bruchsaal“.
Die Eröffnungsansprache hielt Laura Engelmann als Musikleiterin des BDZ und überreichte zu deren Ende Petra Breitenbach und Oliver Kälberer für ihre langjährigen Verdienste um die Zupfmusik unter großem Applaus des Publikums jeweils die Verdienstmedaille in Gold des BDZ.

Den Auftakt des Konzerts gestaltete das Bayerische Landeszupforchester, 1981 aus dem Bayerischen Landes-JugendZupf-Orchester hervorgegangen, unter der Leitung von Oliver Kälberer. In dem von ihm bearbeiteten ersten Stück bzw. ersten Satz Allegro aus dem Konzert e-Moll für zwei Mandolinen, zwei Gitarren und Zupforchester, BWV 1062 übernahmen – eigentlich für Cembalo und Orchester geschrieben – Ariane Lorch und Bianca Brand (beide Mandoline) sowie Felix Ahlborn und Ole Sörensen (beide Gitarre) quasi die linke und rechte Hand des Cembalisten. Die Solisten spielten sauber und akkurat, hätten sich aber gegen das Orchester und das zugleich hinzugezogenen Fagott deutlicher absetzen können.
Es folgte die von Robert Zollitsch (*1966) komponierte Uraufführung Wu Lin Qi Xing. Der Titel dieses Stückes lautet übersetzt „Die wundersame Reise ins Land der tanzenden Bäume“. Das Stück als solches besteht aus vier recht kurzen und einem deutlichen längeren letzten Satz. Bereits der erste Satz Erscheinungen führte fulminant in eine fernöstliche Reise ein. Der zweite Satz Wildwasser war kompositorisch sehr ansprechend. Vom zunächst leisen plätschernden Wasser bis hin zu einem wilden Fluss mit Stromschnellen hatte der Zuhörer ein entsprechendes Bild vor Augen. Im dritten Satz Grasland konnte man förmlich hören, wie ein zarter Wind dezent über eine Grasfläche hinweg streicht. Der vierte Satz Nebelreich präsentierte sich demgegenüber sehr mystisch, wabernd und geradezu undurchdringlich. Im längeren fünften Satz Waldtanz hört man dann geradezu die Bäume, wie sie fröhlich beschwingt im Wald tanzten und mit Holz klopften – intoniert durch orchestrale Schläge auf die Decke und den Korpus der Instrumente. – Ein sehr schönes und abwechslungsreiches Stück, das im Finale mit einem einsetzenden Gesang der Musiker endet. - Zum Nachspielen im heimischen Orchester durchaus zu empfehlen!

Es folgte das Mülheimer Zupforchester unter der Leitung von Dominick Hackner. Dieses leistungsstarke, seit 1980 bestehende und auf fast jedem Festival vertretene Orchester lässt grundsätzlich viel erwarten. Es begann mit der von Dominick Hackner (*1968) komponierten Uraufführung Golden Sketch Book – Tanz-Suite op. 72 für Zupforchester. Der erste Satz Paper-Rock-Scissors-Ouvertüre (man denke wohl gleich an „Schnick-Schnack-Schnuck“) war sehr kurzweilig und strotzte geradezu vor aggressiver Dynamik. Der zweite Satz Song for the upright kam zunächst zaghaft und bittend daher, zeigte ein steigendes Selbstbewußtsein, um dann aber wieder verhalten zu verschwinden. Der dritte Satz Henchman Scherzo war geprägt von spannenden, aber swingenden Harmonien und einem mittigen schönen Solopart in der 1. Mandoline. Der letzte und nach der Tochter des Komponisten benannte Satz Lise’s Rag war zur Freude der Zuhörer flott, beschwingt und verspielt. – Eine gelungene Komposition, die man künftig sicherlich von vielen Orchester hören wird.

Sodann folgte die sicherlich vielfach bereits zur orchestralen Standardliteratur gehörende Journey to Greece – Konzert-Zeibekiko für Zupforchester von Aris Alexander Blettenberg (*1994). Ein zum Mittanzen animierendes vielfältiges und abwechslungsreiches Stück mit einer voluminösen und beeindruckenden Dynamik. Obwohl das Orchester nur aus rd. 20 Spielern besteht, versteht es immer wieder, eine Klangfülle zu erzeugen, die man sonst nur von einem Orchester in mindestens doppelter Stärke erwartet. Die Journey to Greece ist ein überzeugendes fulminantes Stück und wurde vom Orchester authentisch interpretiert. Der sich anschließende tosende Applaus des Publikums war wohlverdient!
Eine große Überraschung des Abends bot das sich anschließende Zupfquartett Lorson, Zell, Rupp & Neumeyer. Die Teilnehmer des Quartetts – allesamt Preisträger von Jugend musiziert 2025 und Mitglieder des Differter Saitenspielkreis e.V. – waren gerade einmal zwischen 13 und 15 Jahre alt und spielten in der Besetzung Mandoline (Luisa Lorson und Elisa Zell), Mandola (Marie Neumeyer) und Gitarre (Mattis Rupp).
Bereits bei ihrem ersten Stück, dem Allegro giocoso aus dem Quartett D-Dur von Hermann Ambrosius (1897-1983) zeigten die Jugendlichen, das sie hervorragend aufeinander abgestimmt waren. Hätte man die Augen zugemacht, hätte man nicht für möglich gehalten, dass dort Jugendliche auf der riesigen Bühne selbstbewusst und präzise musizieren. Ihr Lieblingsstück Spoozer von Ralph Paulsen-Bahnsen (*1954) trugen sie temporeich, nuanciert und beeindruckend homogen vor. Auch bei der sich anschließenden Rumba von Dieter Kreidler (*1943) sparte das Quartett nicht an Tempo und versprühte mit einer beachtenswerten sauberen Spielweise südamerikanisches Flair. Kompliment und Hut ab!

Es folgte das Australian Mandolin Ensemble unter der Leitung von Joel Woods. Das Ensemble wurde eigens für seine Europatournee im April/Mai 2026 gegründet und besteht aus 38 Musikern aus ganz Australien. Ihre Tournee endete beim BDZ eurofestival Zupfmusik in Bruchsal.
Unter Einbezug einer Querflöte startete das Ensemble sein Programm mit der von Richard Charlton (*1955) komponierten Uraufführung Beyond the Never Never. Dem ersten geheimnisvollen und wundersamen Satz Kati Thanda – The Inland Sea schloss sich der Satz The Great Sandy Desert an, in dem die brennende Sonne, die flirrende Hitze und die Endlosigkeit einer Wüste förmlich hörbar waren. Bei dem letzten Satz Over the Flinders war es ein Leichtes, sich einen Vogel vorzustellen, der über ein Gewirr an Schluchten fliegt und deren Schönheit und Vielfältigkeit bewundert.
Die Komposition Yulugi – Dance of the Earth & Sky von Werner Ruecker (*1957) war sehr vielschichtig angelegt, war aber mit ihren interessanten Rhythmen und Anschlagstechniken und perkussiven Untermalungen sehr abwechslungsreich und kam ebenso wie das vorangegangene Stück hervorragend beim Publikum an.

Das Finale des Konzertes gestaltete das Zupforchester Rheinland-Pfalz unter der Leitung von José Antonio Zambrano Rivas und präsentierte zunächst das von Valentin Jasper Dicken (*1999) komponierte Stück A way home unter Einbezug eines Schlagzeugs. In diesem Stück vertont der Komponist eine Bandbreite von Gefühlen, die viele Menschen angesichts der drohenden Klimakatastrophe empfinden. Zu Beginn des Stückes steht das Klagelied eines einzelnen Instruments, welches als Leitmotiv durch das Stück begleitet. Nach und nach entsteht aus dem einsamen Klagegesang eine Bewegung weiterer Instrumente und neue Seitenthemen folgen der Melodie und entwickeln einen diffusen Gefühlsausdruck zwischen Hoffnung und Wut, Lähmung, Aktivität. Es kommt schließlich zum Gefühlsausbruch einer Verzweiflung, dass nicht genug gegen die klimatische Bedrohung getan wird. Das Stück beschreibt im zweiten Teil aber auch die Suche und Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft (Anm. d. Red.: weitere Details zu diesem Stück unter: https://letsrockthestrings.de/dicken).

Das Konzert endete schließlich mit dem vom José Antonio Zambrano Rivas (*1965) komponierten Stück El baile de las Hormigas - Die Welt der reisenden und tanzenden Ameisen – ein überaus publikumswirksames Stück mit einem tonalen Gewimmel und starken percussiven Elementen. Man hört regelrecht, wie die Ameisen wuseln und durcheinander krabbeln, gleichwohl aber einer gewissen Ordnung folgen und sich schließlich schlafen leben und Ruhe einkehren lassen bis zum nächsten Morgengrauen, in dem das Gewusel erneut beginnt.
Damit präsentierte das Orchester zwei überaus publikumswirksame Stücke. Kompliment!
Weitere Konzertrezensionen des Eurofestivals Zupfmusik 2026 finden sich im Auftakt!, 2-2026 und 3-2026