Eurofestival Zupfmusik 2026 - Mittagskonzert B9 im Ehrenbergsaal

Von Raimund Draken (Quelle: Auftakt!; Flotter Zupfer NRW, Ausgabe Juli 2026)

Das Mittagskonzert B9 im Ehrenbergsaal stand ganz unter dem Motto der moderneren Musik.

Das 1990 mit dem Schwerpunkt auf zeitgenössische Musik für zwei Gitarren und Akkordeon gegründete und 2005 auch für größere Besetzungen erweiterte Prisma-Ensemble unter der Leitung von Bianca Brand eröffnete das Konzert mit dem von dem Gründer des Ensembles Lorenz Schmidt (*1958) komponierten Werk “Nacht – nach einem Gedicht von Friedrich Hölderlin”. Das Stück war geprägt durch einen Dialog zwischen der sprecherseitigen Rezitation einzelner Gedichtzeilen und deren anschließende Vertonung und Darbietung durch das Ensemble. Ohne Rezitation hätte das Stück eher als schwere zeitgenössische Kost bezeichnet werden können. Die Voranstellung der Textpassagen belegte aber eindrucksvoll eine grandiose Vertonung derselben. Eine Vortragsweise, die man sich bei vielen zeitgenössischen Stücken wünschen würde. Ebenso wie eine Filmszene oftmals mit sehr moderner Musik unterlegt ist und isoliert gehört nur schwer zugänglich wäre, war die hier dargebotene Komposition zur Begeisterung der Zuhörer aus sich selbst heraus direkt verständlich und zugänglich.

Das Prisma-Ensemble beim Eurofestifal Bruchsal 2026 (Copyright Juana Keinemann/Stefan Kurzke für BDZ)

In dem sich anschließenden Werk “Sumava für zwei Gitarren” von Lorenz Schmidt (*1958) präsentierten Alexander Stöhr auf der Terzgitarre und Lorenz Schmidt auf der Gitarre die Geschichte zweier Vögel, die zu Zeiten des kalten Krieges über die deutsch-tschechische Grenze zunächst einzeln, dann gemeinsam und zum Ende wieder einzeln in ein Naturschutzgebiet in Tschechien hin und her fliegen. Dieses Stück belegte – wunderbar meditativ vorgetragen und umgesetzt: Musik überwindet Grenzen!

Das Prisma-Ensemble beim Eurofestifal Bruchsal 2026 (Copyright Juana Keinemann/Stefan Kurzke für BDZ)Das Prisma-Ensemble beim Eurofestifal Bruchsal 2026 (Copyright Juana Keinemann/Stefan Kurzke für BDZ)

Es folgte das Trio Jouni Koskimäki & Wiesenekkers, bestehend aus dem finnischen Komponisten und Mandolinisten Jouni Koskimäki (Mandoline) und den Geschwistern Marijke Wiesenekker (Mandoline) und Michiel Wiesenekker (Gitarre). Dieses internationale Trio kann zu Recht als Urgestein der Zupfmusikszene bezeichnet werden, haben die Teilnehmer des Trios in der Vergangenheit doch an sämtlichen eurofestivals der Zupfmusik teilgenommen und wissen, ihre Zuhörer immer wieder und immer wieder aufs Neue von sich und ihrer Musik zu begeistern.

Bereits das erste von Jouni Koskimäki (*1953) komponierte Stück “Relaxin‘ in Spain (Bailar con MaMo)” aus dem Bereich der „Gute-Laune-Musik“ – dargeboten auf zwei Bluegrass-Mandolinen und einer Gitarre – versprach auch für die folgenden Stücke Unterhaltung vom Feinsten. Es folgten zwei weitere Stücke aus seiner Feder. Sein “Beauty of the Finnish Winter Forest” hätte aufgrund seiner lockeren und leichten Vortragsweise auch einen schönen Frühlingstag beschreiben können und wurde viel zu schön gespielt, als dass dabei an Kälte hätte gedacht werden können. Aber das zeichnet wohl gerade den Winter im finnischen Wald aus: er ist so schön, dass man dabei die unvermeidliche Kälte um sich herum vergisst.

Das Trio Jouni Koskimäki & Wiesenekkers beim Eurofestifal Bruchsal 2026 (Copyright Juana Keinemann/Stefan Kurzke für BDZ)

Mit der Uraufführung “Peace” verweilten die Künstler ruhig und besinnlich in einer friedvolleren und harmonischeren Zeit. In dem von Marijke (*1981) und Michiel (*1983) Wiesenekker komponierten und hier uraufgeführten Stück “Waltz de Namur” setzten sie der Stadt Namur als Hauptstadt der Wallonie in Belgien ein schönes musikalisches Denkmal. Zunächst als Duo beginnend und dann unter dezentem Hinzutreten von Jouni Koskimäki als Trio. Entsprechend ihrer Spielweise muss die Stadt Namur die Künstler wahrlich durch ihre Schönheit beeindruckt haben. Es folgten schließlich zwei weitere Werke des Finnen. Bei dem Stück “Dirty Lines” ging es unter Einbezug vieler irischer Elemente sportlich und rasant zu. -Schwungvoll und mit einigen rhythmischen Überraschungen, gepaart mit schönen Pizzicatopassagen, ging es hingegen bei dem letzten Werk “Progepolska” zu. Eine Orchesterversion dieses Stückes wäre wünschenswert!

Die Konzertgestaltung übernahm sodann die sich auf neue Musik fokussierende Jugendleiterin des BDZ und an der Hochschule für Musik und Tanz in Wuppertal Mandoline studierende Antonia Platzdasch mit Solo-Vorträgen auf der Mandoline.

Antonia Platzdasch beim Eurofestifal Bruchsal 2026 (Copyright Juana Keinemann/Stefan Kurzke für BDZ)

Bereits mit ihrem ersten Stück “Until they have driven out the grief”, eine dunkle und pessimistische Komposition aus der Zeit von Covid und des Ukraine-Krieges des Komponisten Clark Nichols (*1995) demonstrierte Antonia Platzdasch ihre hervorragende musikalische Ausbildung an der Hochschule für Musik und Tanz Köln – Standort Wuppertal in all ihren Facetten: exzellente und facettenreiche Tonbildung mit vielen anspruchsvollen Anschlagstechniken in virtuoser Manier. Daran fügte sich nahtlos an die Uraufführung des für sie geschriebenen Werkes “Freiflug” von Valentin Jaspar Dicken (*1999) – ein überaus interessantes Stück mit einem leicht romantischen Touch und entsprechend dem Titel des Stückes ein Freiflug durch viele auf der Mandoline möglichen Techniken und Anschlagsarten. Ruhiger und meditativer und mit zarter und einfühlsamer Vortragsweise schloss die Solistin ihren Vortrag ab mit dem Satz “Intrada” aus “Ochiana” von Heinrich Konietzny (1910-1983) – eine Komposition über die Abkehr vom Trubel und Alltag hin zur Natur und zur Ruhe am Meer hin, auch wenn einem dabei der Wind ins Gesicht peitscht.

Den letzten Teil des Konzerts gestaltete das – geprägt von Energie, Spaß und Leidenschaft – 12köpfige und 2017 gegründete Landesjugendgitarrenorchester Berlin unter der Leitung der erst 20jährigen Maya Miyata. Das erste Stück, der “Descendant Valse” von Florian Rothe (*1990) symbolisierte Gedanken an die Zukunft und kam mit einem eingängigen Thema träumerisch und harfengleich daher. Ebenso schöne und romantische Melodien bot das sich anschließende und meditativ vorgetragene und schließlich in einen Walzer übergehende Stück “Studio Ghibli – Medley” von Joe Hisaishi (*1950) in einer Bearbeitung von Matti Haase. Auch das von Matti Haase (*2002) komponierte Stück “Gestalt” begann zunächst meditativ, nahm dann aber recht zügig in anspruchsvoller Weise rhythmisch und tempomäßig Fahrt auf und war geprägt von abwechslungsreichen Anschlagstechniken mit einer entsprechenden Dynamik, steigerte sich virtuos, bot ruhige Flageolett-Sequenzen und nahm dann wieder mit starken Rhythmen Tempo auf, um temperamentvoll zu enden. – Eine sehr schöne Literaturauswahl kombiniert mit einer ausgewogenen und gelungenen Darbietung!

Das Landesjugendgitarrenorchester Berlin  beim Eurofestifal Bruchsal 2026 (Copyright Juana Keinemann/Stefan Kurzke für BDZ)

Weitere Konzertrezensionen des Eurofestivals Zupfmusik 2026 finden sich im Auftakt!, 2-2026 und 3-2026